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Zur Geschichte der Schrift
Es könnte bei der näheren Betrachtung der Schrifthistorie der Eindruck entstehen, dass die Entwicklung linear und zwingend folgerichtig vonstatten gegangen sei, als ob eine Schrift an die Stelle einer anderen getreten sei, sie quasi abgelöst hat. In Wahrheit sind immer wieder andere Schriften hinzugekommen, während die „alten“ Schriften parallel dazu weitergelebt und sich weiterentwickelt haben. Dies gilt es bei Thema „Schrifthistorie“ immer zu berücksichtigen. Viele der Schriften, die bereits vor Jahrhunderten eingesetzt wurden und schon beinahe in Vergessenheit geraten sind, erleben im Zeichen des digitalen Zeitalters wahrhaftige Renaissancen.
Die Entstehung unserer Grossbuchstaben geht auf die Griechen zurück, die ihrerseits das Alphabet um 900 v.Chr. von den Phöniziern übernahmen. Die Römer übernahmen wiederum das griechische Alphabet.
Etwa um 100 v.Chr. hatte sich die gemeiselte Capitalis Monumentalis zur Vollkommenheit entwickelt, eine Versalschrift, die noch heute Grundlage und Vorbild unserer Grossbuchstaben ist. Im Unterschied zur griechischen Schrift sind die Balken der Buchstaben nicht gleich breit (linear), sondern sie weisen teils deutliche Strichstärkenunterschiede auf. Außerdem besitzt die Capitalis Monumentalis Serifen (Füsschen).

Ob diese grundlegenden Besonderheiten vom Schreibwerkzeug oder vom Meiseln bestimmt sind, ist Gegenstand kontroverser Lehrmeinungen. Vielleicht hat sich der Entwerfer damals schon (und genialerweise) auch eine bessere Lesbarkeit, vor allem im Mengentext, versprochen.
Die Capitalis ist zugleich Ausgangspunkt für die Entwicklung unserer Kleinbuchstaben. Sie wurden durch die Verwendung verschiedener Schreibgeräte, durch immer größere Schreibgeschwindigkeit und durch unterschiedliche Zwecke (von der Inschrift bis zur Notiz) verändert.
Parallel zu dieser Entwicklung verläuft die Entwicklung der eigentlichen Schreibschriften, die im allgemein historischen Zusammenhang selten berücksichtigt werden.
Die Stationen der Entwicklung unserer Kleinbuchstaben sind: Capitalis Quadrata, Rustika, Unziale, über die Halbunziale zu den Minuskeln-(Kleinbuchstaben)Schriften zur karolingischen und humanistischen Minuskel, die die Grundlage unserer heutigen Schriften sind. Die Kombination der Capitalis Monumentalis und der aus der humanistischen Minuskel entstammenden Schriften ergibt unser Zwei-Buchstaben-Alphabet aus Groß- und Kleinbuchstaben. Dieses Alphabet durchläuft eine differenzierte formale Entwicklung, ohne die Substanz aufzugeben.

Im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts beginnt die Umformung, die den Kanon der Schriftformen erweitert. Einserseits findet bei den Schriften eine Verstärkung der Serifen statt, andererseits sieht man deren kompletten Wegfall. Parallel zu der skizzierten Entwicklung zu den heute üblichen „lateinischen“ Schriftformen (Antiqua) läuft die Entwicklung der „gebrochenen“ Schriften, die in Deutschland bis zur Mitte unseres Jahrhunderts neben der Antiqua etabliert waren.
Warum sehen sich die meisten Schriften so ähnlich ...
... das sie ein Laie kaum unterschieden kann? Die Formen unserer Buchstaben sind nicht die Ergebnisse von Überlegungen, Konstruktionen und Erfindungen, sie sind vielmehr gewachsen. Sie haben sich entwickelt und verändert, durch die veränderten Schreibwerkzeuge und durch die Schreiber, die sich verändert haben in ihrem veränderten Umfeld. Buchstaben wurden ebenso verändert durch den Zweck und die Art des Schreibens, von „Schreiben“ mit dem Meisel in Stein für die Ewigkeit zur flüchtigen Notiz. Dieser Ursprung und diese Entwicklung bestimmen auch heute die Schriftformen und werden sie auch in Zukunft, vor allem im Zeitalter der digitalen Medien, bestimmen.
Schrift dient dem Zweck des Lesens, ob 3000 Jahre lang geschrieben, 500 Jahre lang in Blei gesetzt oder seit wenigen Jahrzehnten materiefrei gesetzt. Was beim Lesen auffällt – sei es durch besondere Schönheit oder besondere Hässlichkeit, stört. Jedes Ausbrechen aus dem Formen-Kanon der Satzschriften fällt auf und stört beim Lesen. Das ist der Grund, warum die Gebrauchsschriften durch die Jahrzehnte einander so ähnlich sind.
Bei der DIN-Klassifizierung geht es nicht um verbindliche Gesetze, sondern um eine Orientierunghilfe. Die Schriftenklassifizierung ist ohnehin nicht eindeutig und wird von den verschiedenen Schriftherstellern und Kommentatoren unterschiedlich interpretiert.
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