Klassifikation

Die Kraft der eigenen Fantasie innerhalb der engen Grenzen der Buchstabengestaltung auszuprobieren, hat Menschen über die Jahrhunderte hinweg zu immer neuen Formen beflügelt. Die einen reizte es, Schriften zu zeichnen, die dem Antiqua-Original recht nahe stehen und dennoch einen unverwechselbaren eigenen Charakter haben. Andere ließen ihren Spieltrieb so weit freien Lauf, daß die eigentliche Funktion der Zeichen völlig in den Hintergrund trat - etwa bei den Initialen.

Nicht zuletzt wegen der enormen Vereinfachung im Gebrauch von Schriften durch die rasante technische Entwicklung kam im letzten Jahrhundert geradezu eine Flut neuer Schriften auf. Vielleicht entstand deshalb erst in diesem Jahrhundert das Bedürfnis, der wachsenden Anzahl von Schriften mit Hilfe einer Sortierung Herr zu werden.

Nach einigen Jahren intensiver Diskussion entstand 1960 die DIN 16518, die sowohl Form als auch historische Zusammenhänge von Schriften beachtet. Das Reglement beruht im wesentlichen auf Vorschlägen des Franzosen Maximilien Vox, angereichert und erweitert unter anderem durch Ideen der berühmten Typographen Hermann Zapf und Adrian Frutiger.
 

 

 I. Venezianische Renaissance-Antiqua

Entstehung:
Mit der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert entstand in Italien die Renaissance-Antiqua, die im Gegensatz zu den gebrochenen Schriften besser zum Buchdruck geeignet war. Sie wurde 1465 zum ersten Mal zum Drucken verwendet.
Das Erscheinungsbild der Venezianischen Renaissance-Antiqua zeigt im Gegensatz zur Französischen deutlich, daß sie mit der Breitfeder geschrieben wurde.

Merkmale:
Charakteristisch für die Renaissance-Antiqua sind:
- schräg stehende 'Achse' der Buchstaben (wie beim O und b),
- keilförmige Anstriche der Kleinbuchstaben (wie beim b),
- abgerundete Übergänge zwischen Grundstrichen und Serifen

Bei der Venezianischen Renaissance-Antiqua variiert die Strichdicke kaum. Der Querstrich des kleinen e liegt schräg.



Beispiele:
Golden Type von William Morris, Antiqua der Bremer Presse, Trajanus, Centaur
 

 

 II. Französische Renaissance-Antiqua

Entstehung:
Die Französische Renaissance-Antiqua gleicht ihrer Herkunft nach der Venezianischen. Mit der weiteren Entwicklung des Buchdruckes ist eine Egalisierung und Verfeinerung der Formen zu erkennen. Die bekannteste Variante, die Garamond, gilt als italienische Leitschrift der Renaissance und des frühen Barock.

Merkmale:
Charakteristisch für die Renaissance-Antiqua sind
- schräg stehende 'Achse' der Buchstaben (wie beim O und b),
- keilförmige Anstriche der Kleinbuchstaben (wie beim b),
- abgerundete Übergänge zwischen Grundstrichen und Serifen

Die Französische Renaissance-Antiqua zeigt im Unterschied zu Venezianischen größere Unterschiede in der Strichdicke. Der Querstrich des kleinen e liegt waagerecht.



Beispiel:
Garamond (Claude Garamond, 1480 - 1561), Palatino (Hermann Zapf, 1948), Weiß-Antiqua, Trump-Mediäval, Goudy, Bembo
 

 

 III. Barock-Antiqua

Entstehung:
Die Barock-Antiqua bildet den Übergang von der Renaissance-Antiqua zur Klassizistischen Antiqua. Mit dem Wechsel vom Holzschnitt zum Kupferstich im 17. Jahrhundert wurden die Linien der Buchstaben feiner und kontrastreicher.

Merkmale:
Im Gegensatz zur Renaissance-Antiqua zeigt die Barock-Antiqua größere Unterschiede in der Strichdicke.
Die Achse der Buchstaben ist senkrecht (siehe O, g). Die Serifen sind kaum ausgerundet. Meist sind die Serifen der Kleinbuchstaben oben schräg und unten waagerecht angesetzt.



Beispiele:
Times (Stanley Morison, 1889 - 1967) und deren Äquivalent Times New Roman als TrueType
Baskerville (John Baskerville, 1706 - 1775), Caslon (William Caslon, 1692 - 1766), Janson, Imprimatur, Fournier
 

 

 IV. Klassizistische Antiqua

Entstehung:
Im 17. und 18. Jahrhundert entstand mit der weiten Verbreitung des Kupfer- und Stahlstiches die Klassizistische Antiqua. Das Erscheinungsbild ist technisch exakt.

Merkmale:
Die Klassizistische Antiqua weist dünne Haarlinien und dicke Grundstriche mit kurzen Übergängen auf. Die Serifen (auch die oberen z.B. beim d und b) sind waagerecht angesetzt. Die Achse der Buchstaben ist senkrecht (siehe O, g). Daher liegen sich Verdickungen bei Rundungen horizontal gegenüber.

Höchste Blütezeit um 1800. Die Buchstabenformen wurden maßgeblich von Bodoni und Didot entwickelt
Vorbild dieser Druckschrift waren die zierlichen Kupferstichschriften. Endgültiger Durchbruch des Stichelduktus. Konsequent konstruierte Buchstaben. Die handschriftlichen Merkmale des Federduktus sind verschwunden.



Beispiele:
Bodoni (Giambattista Bodoni, 1740 - 1813), Didot (Firmin Didot, 1761 - 1836), Walbaum, Pergamon, Corvinus
 

 

 V. Serifenbetonte Linear-Antiqua

Entstehung:
Am Anfang des 19. Jahrhundert nahm der Bedarf an kräftigen, Aufmerksamkeit erregenden Schriften für Plakate, Geschäfts- und Privatdrucksachen, sogenannte Akzidenzen, zu. Aus den klassizistischen Schriften entstanden Egyptienne- und Groteskschriften. Der Name Egyptienne leitet sich von Veröffentlichungen her, die nach dem Ägypten-Feldzug Napoleons über die dort gemachten Beutestücke erschienen sind. Heute unterscheidet man drei Untergruppen:

  • Slab serifs haben quadratische Serifen mit kantigen Übergängen
  • Clarendons haben quadratische Serifen mit abgerundeten Übergängen
  • Schreibmaschinenschriften (Typewriter types) haben gleichstarke Striche und Serifen und eine konstante Buchstabenbreite.

Merkmale:
Der Fett-Fein-Kontrast ist auf ein Minimum reduziert, d.h. gleiche Strichdicke bei allen vorhandenen Linien. Die auffälligen Serifen haben die Form von Rechtecken. Das Erscheinungsbild ist einheitlich (linear).



Beispiele:
Courier und deren Äquivalent Courier New als TrueType
Clarendon, Memphis (Weiss, 1930), Rockwell, Serifa (Frutiger, 1968), Volta, Neutra, Egizio, Schadow, Pro Arte, Schreibmaschineschriften (Typewriter)
 

 

 VI. Serifenlose Linear-Antiqua

Entstehung:
Am Anfang des 19. Jahrhundert nahm der Bedarf an kräftigen, Aufmerksamkeit erregenden Schriften für Plakate, Geschäfts- und Privatdrucksachen, sogenannte Akzidenzen, zu. Aus den klassizistischen Schriften entstanden Egyptienne- und Groteskschriften. Die Bezeichnung 'Grotesk' bekam diese Schriftart, da sie im Vergleich zu den damals bekannten Schriften als 'grotesk' empfunden wurde. Der Erstschnitt wurde in England als 'Sans Serif' bezeichnet.

Merkmale & Beispiele:
Eine Grotesk-Schrift weist eine einheitliche (lineare) Schriftdicke auf. Die Buchstaben sind auf das wesentlichste gekürzt. Es fehlen sämtliche Schnörkel und Serifen. Heute werden folgende Untergruppen unterschieden:

  • Grotesk und die eleganteren Neo-Grotesk Schriften als frühere Sans Serif.
    Beispiele: Arial (Monotype), Helvetica (Miedinger, 1951), Swiss, Univers (Frutiger, 1952), Grotesque, Franklin Gothic (M.F. Benton, 1903)
  • Geometric sind vom Bauhaus-Design beeinflußt.
    Beispiele: Futura, Avant Garde (Lubalin Graph), Century Gothic
  • Humanistische Sans Serif besitzen einige Eigenschaften von Serifen-Schriften.
    Beispiele: Gill Sans (Eric Gill, 1928), Optima (Zapf, 1958), Frutiger (Frutiger, 1975), Albertus, Shannon (Holmes & Prescott Fishman, 1981), Myriad (Carol Twombly & Robert Slimbach)



Beispiele:

Arial als TrueType
Helvetica, Univers, Futura, Frutiger, Gill Sans, Sans Serif, Grotesk, Akzidenz-Grotesk, Optima, Folio, Swiss
 

 

 VII. Antiqua-Varianten

Entstehung:
Werbung benötigt auffällige, zum Produkt passende Schriften. Hier werden häufig dekorative Schriften eingesetzt, die von Grafikern und Werbegestalter geschaffen wurden.

Merkmale:
Zu den Antiqua-Varianten gehören alle Schriften, die aufgrund der Strichführung und anderer Schriftmerkmale nicht zu den anderen Antiqua-Schriften zugeordnet werden können. Maßgebend ist die Auffälligkeit oder auch der schmückende Charakter. Eine gute Lesbarkeit wird nicht in den Vordergrund gestellt. Auch Versalschriften (nur Großbuchstaben) zählen hierzu.



Beispiele:
Arnold Böcklin, Codex, Largo, Profil, STOP, Weiß-Lapidar
 

 

 VIII. Schreibschriften

Erkennungsmerkmale:
- Sie sehen aus, als wären sie mit der Feder oder dem Pinsel geschrieben;
- meist Wechselstrich, je nach Lage und Schreibgerät
- oft schwungvolle Anfangsbuchstaben (Versalbuchstaben)
- oft haben die Kleinbuchstaben Verbindungsstriche

Drucktypen, die aus den sogenannten »lateinischen« Schul- und Kanzleischriften, aus individuellen Handschriften und künstlerischen Schriftentwürfen entstanden sind.
Ursprüngliche Schreibwerkzeuge: Spitzfeder, Breitfeder, Rundfeder, Pinsel oder Kreide.



Beispiele:
Ariston, Ballantines, Berthold-Script, Commercial Script, Diskus, Englische Schreibschrift, Künstlerschreibschrift, Lithographia, Mistral, Slogan
 

 

 IX. Handschriftliche Antiqua

Entstehung:
Ende des 15. Jahrhunderts entwickelten sich aus dem schnellen handschriftlichen Schreiben kursive Formen der Antiqua. Sie wiesen anfangs noch senkrecht stehende Versalien auf. Später haben diese die gleiche Neigung wie die Minuskeln und Zahlen.

Merkmale:
Ein mit der Handschriftlichen Antiqua geschriebener Text besteht deutlich sichtbar aus einzelnen Buchstaben. Die Buchstaben wurden von einer vorhandenen Antiqua handschriftlich abgewandelt (wenn jemand Druckbuchstaben schreibt).
Damit unterscheidet sich die Handschriftliche Antiqua von den reinen Schreibschriften.



Beispiele:
Tekton, Time-Skript, Post-Antiqua, Polka, Hyperion, Dom Casual, Delphin
 

 

 X. Gebrochene Schriften

Merkmale:

- alle Rundungen sind gebrochen
- Schriften sehen aus, als wären sie mit der Breitfeder geschrieben
- teilweise starker Kontrast fett:fein
- teilweise feine Anstriche und Endstriche
- schräger Querstrich beim »e«

Auch Deutsche Schriften genannt. Sammelgruppe für alle gebrochenen Schriften. Sie werden heute nur noch sparsam verwendet (als Headline-Schriften).



Nach ihren Erkennungsmerkmalen werden sie weiter unterteilt:
 
a) Gotisch
Alle runden Formen der Kleinbuchstaben sind gebrochen. Die Zeichen sind schlank und wirken streng. Schriftbeispiele: Fette Gotisch, Wilhelm-Klingspor-Gotisch
 
b) Rundgotisch
Die Rundgotisch beruht auf der Rotunda der Frühdruckzeit. Entstehung und Entwicklung der Rundgotisch vorwiegend in Italien. Schriftbeispiele: Tannenberg, Wallau, Weiß-Rundgotisch
 
c) Schwabacher
Hand- und Druckschrift des 15. Jahrhunderts, in Süddeutschland erschienen. Breite und ausladende Wirkung der Buchstaben, runder und offener als die Gotisch.
Schriftbeispiele: Alte Schwabacher, Renata
 
d) Fraktur
Entstanden im 16. Jahrhundert
Schlanke, elegante Schrift aus dem Kulturkreis Kaiser Maximilians.
Schriftbeispiele: Fette Fraktur, Neue Fraktur, Unger-Fraktur, Walbaum-Fraktur, Zentenar- Fraktur
 
e) Fraktur-Varianten
Hier werden alle gebrochenen Schriftformen eingeordnet, die in ihrer Strichführung vom Charakter der Untergruppen Xa bis Xd abweichen. Schriftbeispiele: Breda-Gotisch, Breite Kanzlei, Rhapsodie
 

 

 XI. Fremde Schriften

In dieser Gruppe werden alle nichtlateinischen Schriften (wie z. B. griechische, hebräische, kyrillische, arabische, japanische, aber auch Bilderschriften) eingeordnet.

 
 

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